01. Dez 2008 | Sexualität

 
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FRUST STATT LUST? - NEUE SEXPILLE IM ANMARSCH

Steht nach der Antibabypille und den neuen Potenzmitteln die dritte Generation von Lustmitteln ins Haus? Oder geht mit der medikamentösen Steuerung von Sexualität ein zunehmender Lustverlust einher? Wir wagten einen Ausflug in die vermeintlich schöne neue Welt.

REVOLUTIONÄRE PILLEN
Gemeinhin wird von den modernen Potenzmitteln für Männer, also Viagra, Cialis und Levitra (PDE5-Hemmer), als der zweiten sexuellen Revolution gesprochen. Die erste sexuelle Revolution ermöglichte mit der Erfindung der Antibabypille der Frau eine eigenständige und sichere Methode der Verhütung, um das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft deutlich zu senken. Nachdem sich Frauen angstfrei ihrem sexuellen Verlangen hingeben konnten, bekamen später Männer, die unter einer erektilen Dysfunktion litten, durch Potenzmittel die notwendigen Erektionshilfen, um die sexuelle Freiheit auch nutzen zu können.
Trotz aller Beteuerungen ist es der Pharmaindustrie natürlich mehr als Recht, wenn die Helferlein nicht nur bei erektiler Dysfunktion verschrieben werden, sondern auch von jenen Männern genutzt werden, die einfach ihre biologischen Grenzen verrücken wollen und statt der sexuellen Funktion eine sexuelle Überfunktion suchen. Kein Wunder, dass eine sexuell besonders aktive Zielgruppe wie die Schwulen ein hohes Interesse an diesen Hilfsmitteln hat, zumal sie durch andere Drogen bedingte Ausfallerscheinungen mildern können. Sexpartys werden auf diese Weise zu einem erotischen Marathon ohne Ermüdungserscheinungen – das zumindest ist die Phantasie.
In Wirklichkeit aber verhindern die drei bekannten PDE5-Hemmer nur den vorschnellen Verlust einer Erektion. Sie erzeugen weder sexuelle Lust, noch führen sie zu einer Erektion auf Knopfdruck – eine sexuelle Stimulation ist also weiterhin notwendig. Da die meisten Männer zwar auf relativ leichte Weise zu stimulieren sind, mag dies unter Einfluss der Potenzmittel zum gewünschten Ergebnis führen, muss es aber nicht. Wenn die Stimulation als nicht erregend wahrgenommen wird, versagen im Zweifel auch Viagra und Co.

LUST AUF KNOPFDRUCK
Die dritte Welle der sexuellen Verfügbarkeit war nur eine Frage der Zeit, zumal den weiblichen Problemfällen, die sehr viel häufiger unter Lustlosigkeit leiden als Männer, bislang keine Hilfen zur Verfügung standen. Das Zaubermittel heißt PT141 und soll nun endgültig Abhilfe schaffen.
Anders als die PDE5-Hemmer wirkt das derzeit getestete kanadische Medikament nicht über Mechanismen im männlichen Schwellkörper, sondern über das Lustzentrum im Gehirn – sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Dazu imitiert Bremelanotide (PT141) das natürlich vorkommende Hormon Alpha-Melanocyte. In klinischen Studien wurde die Wirksamkeit bei Männern und Frauen bereits nachgewiesen. Jedoch sind männliche und weibliche sexuelle Dysfunktion äußerst verschieden. Während der Mann häufig will, aber nicht kann, fehle es der Frau eher am Verlangen. Die Wirksamkeit von PT141 auf das sexuelle Verlangen der Frau scheint erwiesen, ebenso wie die erektile Unterstützung beim Mann. Was nicht gezeigt werden konnte ist, dass PT141 die Lust beim Mann erhöht.

EREKTION IST KEIN GLÜCKSGARANT
Ein zentrales Problem bleibt auch mit der neuen Generation von Potenzmitteln bestehen: Lust ist weiterhin nicht verfügbar. Die Erektion ist nicht die Bedingung für Lust, sondern setzt diese voraus. Zwar ermöglicht die Erektion den Vollzug von Sex, ist aber noch lange kein Glücksgarant. Die erektile Dysfunktion ist jenseits krankheitsbedingter Ursachen immer auch ein Indikator für fehlende Lust. Und diese ist wiederum ein Zeichen dafür, dass die sexuelle Interaktion nicht den individuellen Bedürfnissen gerecht wird. Einen solchen Indikator pharmazeutisch zu überspielen ist zwar manchmal möglich, aber nicht zielführend im Sinne erfüllender Sexualität.
Männer werden durch Potenzmittel dazu verleitet, die Erektion in den Mittelpunkt ihres Interesses zu rücken. Dabei ist diese häufig eine automatische Folge, wenn man sich mit dem Körper des anderen sinnlich auseinandersetzt.
Die Idee der Industrie, den Sex verfügbar zu machen und ihm dadurch den Stellenwert einer Ware zu geben ist eine logische Fortsetzung des Kapitalismus. Es wird an die tiefsten Bedürfnisse und intimsten Träume des Menschen appelliert und damit ein Milliardenmarkt erschlossen. Der große Zauber des Sexes ist jedoch, dass er gängige Marktgesetze außer Kraft setzt. Arm vögelt mit Reich, Jung mit Alt, Dick mit Dünn und hat in diesen Momenten unverhofften Spaß und Erfüllung. Sexualität ist die Abwesenheit von Regeln und Berechenbarkeit – und zeigt sich gerade dort von der lustvollsten Seite, wo sie nicht steuerbar und kontrollierbar ist. •OA

 
 
 
 
 

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