Reise
 
 

SINGAPORE

DIE SCHÖNE NEUE WELT MIT MAKELN

Den ersten Airbus A380 in Betrieb genommen, zwei neue Megacasinos, das erste Formel-1-Nachtrennen, das größte Riesenrad der Welt namens SINGAPUR FLYER und die Austragung der ersten Jugendolympiade: Die Meldungen aus der boomenden Metropole in Südostasien drehen sich allesamt um Superlative. Doch während der Stadtstaat hart daran arbeitet, ein weltweit angesehener Hotspot zu werden, hält er immer noch an einem homophoben Gesetz aus der ehemaligen britischen Kolonialherrschaft fest.

Verhängnisvolle Perfektion

Singapur ist eines der ökonomischen Zentren Asiens mit einer stetig wachsenden Wirtschaft und einem boomenden Immobilienmarkt, um nur zwei Indikatoren für den Wohlstand der fünf Millionen Einwohner zu nennen. Spitzenarchitekten wie Richard Meier, I. M. Pei, MWP, SOM oder Daniel Libeskind sowie Megaprojekte wie die Casinos und der Singapur Flyer belegen die Weltklasse-Ambitionen des Stadtstaates. Dem globalen Wettbewerb ausgesetzt verstanden es die Regierenden, Singapurs Image so zu entwickeln, dass es nicht nur mit Arbeit, sondern auch mit Vergnügen assoziiert wird, wenn die Weltelite angelockt werden soll.
Doch gerade die kreative Elite fühlt sich nicht wirklich zu Hause in Singapur. Während die Oberfläche des Landes perfekt aussieht, scheint es darunter an einer Seele zu fehlen. Um die Identität des Landes zu begreifen, muss man den Lenker und ehemaligen Premierminister Lee Kuan Yew kennen, der immer noch im Hintergrund seine Fäden zieht.
Der am längsten amtierende Politiker der Welt (ein weiterer Superlativ) formte eine unabhängige Nation, befreite sie von ihren kolonialen Wurzeln, föderierte mit dem Nachbarn Malaysia und schuf den erfolgreichsten Staat Südostasiens. Nach seiner Amtsniederlegung wurde er zum dienstältesten Regierungsmitglied und Ministeriumsberater, womit er jede Entscheidung steuern kann. Für ihn ist Singapur das Vorbild der Region, weshalb es immer reicher, sicherer, organisierter, sauberer und zufriedener sein muss als seine Nachbarn.
Um diese Ziele zu erreichen, entwickelte er das Land nach den demokratischen Vorbildern aus Europa, allerdings mit einer gewichtigen Ausnahme: Es gibt kein Recht auf individuelle Freiheit. Der Staat ist in nahezu alle Lebensbereiche der Bevölkerung involviert – von der Wohnungsvergabe bis hin zu Karriere- und Familienplanung. Durch die Abwesenheit einer individuell-freiheitlichen Opposition werden sowohl Kritik als auch Kreativität unterdrückt.
Doch viele Bürger Singapurs unterstützen das kontrollierte demokratische System, weil es ein friedliches Zusammenleben zwischen den vielen Religionen und Kulturen ermöglicht: den Chinesen (Buddhisten), Indern (Hindus) und Malaysiern (Moslems). Und natürlich auch, weil es politische Stabilität und wirtschaftlichen Erfolg garantiert.
Nichtsdestotrotz hat auch Lee erkannt, dass es neue Herausforderungen gibt, denn je erfolgreicher das Land wird, desto größer scheint die Tendenz der Elite auszuwandern – hauptsächlich aus Mangel an Freiheit und persönlicher Entfaltung. Das Land erstickt quasi an seiner eigenen Perfektion, und Lees Präsenz verursacht diesen Exodus der Elite.

§ 377A

Teil dieser Kontrolle ist auch das Strafgesetzbuch und der Paragraf 377A, der noch aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft stammt. Paragraf 377A ist auch als Anti-Homo-Paragraph bekannt und besagt, dass „unsittliche“ Handlungen zwischen zwei Männern mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden. Ende 2007 wurde das Strafgesetzbuch überarbeitet, doch der Paragraf 377A wurde nicht aufgehoben.
Dabei war man noch vor fünf Jahren sehr zuversichtlich, als Lees erster Nachfolger, Goh Chok, positive Zeichen setzte. Als Goh in einer Rede im Jahre 2003 davon sprach, dass Homosexuelle Menschen „wie du und ich“ seien und dass sie keine Diskriminierung verdient hätten, auch nicht im öffentlichen Dienst, blühte die Szene in Singapur auf: Clubs, Bars, Saunas und Magazine sprossen aus dem Boden, und mit der NATION Party, organisiert vom Internetportal FRIDAE.COM, entstand 2001 die größte und beliebteste Partyreihe innerhalb Asiens für Jungs aus aller Welt.
Als Herr Goh 2004 abtrat, wurde er durch Lees Sohn, Lee Hsien Loong, ersetzt. Bereits ein Jahr später wurde die NATION Party für den Anstieg der Rate an HIV-Infizierten in dem Stadtstaat verantwortlich gemacht – und den Veranstaltern wurde die Party-Lizenz mit der Begründung entzogen, sie wäre „nicht im Interesse der Öffentlichkeit“.
Von 2005 an entwickelte sich die Szene rückläufig. Clubs und Bars schlossen und Internetseiten mit explizitem Inhalt gingen offline. Auch MANAZINE, eine singapurische Zeitschrift für Männer, verschwand vom Markt, und Kunst- und Fotoausstellungen wurden verboten, wenn sie komplett entblößte Männerkörper oder zwei sich küssende Männer zeigten.

Unterwegs in Richtung Utopia

Verwirrung kam in der Szene auf, als der ältere Lee im April 2007 verkündete, dass Homosexualität genetisch bedingt sei und man nicht den „Moralapostel spielen solle und man nicht in fremden Schlafzimmern herumstöbern dürfe“. Zudem müsse man eventuell das Gesetz zur richtigen Zeit ändern, um mit dem Rest der Welt Schritt halten zu können.
Beobachter verstanden dies als einen Wink der Politik, um das Land in ein modernes, global denkendes Finanz-, Forschungs- und Kunstzentrum zu verwandeln. Aktivisten kritisierten, dass das Gesetz aus jedem schwulen Gastarbeiter, ob Banker, Designer oder Künstler, einen Verbrecher machen würde.
Obwohl die Regierung betonte, das Gesetz sei niemals angewandt worden, sind Einschränkungen in der Szene sowie Zensur in schwulen Publikationen an der Tagesordnung. Wenn diese Stadt, wie sie selbst behauptet, tatsächlich ein toleranter, pulsierender und fortschrittlich denkender Flecken Erde sein möchte, sollte der Paragraf 377A aus dem Strafgesetzbuch gestrichen werden. Langfristig müsste Singapur darüber nachdenken, auch individuelle Freiheit zuzulassen, um das System der staatlichen Kontrolle zu ersetzen.
Singapurs gegenwärtiges Image eines langweiligen Finanzzentrums wird sich nur dann verbessern, wenn der Stadtstaat mutig genug ist, individuelle Freiheiten zu erlauben. Dann könnte die Weltelite womöglich hier ihr Paradies finden – und Singapur wäre einer der besten Orte zum Arbeiten und Leben auf dieser Erde.

INFO

Best Shopping

Die weltberühmte ORCHARD STREET ist eher auf Touristen ausgerichtet. Angesagter und malerischer sind die Club Street, Ann Siang Road und Erksine in der Nähe von Chinatown und Tanjong Pagar. FRONT ROW (FRONTROWSINGAPORE.COM) ist ein Conzept Store mit coolen einheimischen Designermarken wie Woods&Woods, Kim Jones und auch A.P.C. aus Frankreich, während man schräg gegenüber im ASYLUM (THEASYLUM.COM.SG) die französische Marke SURFACE TO AIR, eine Auswahl aufsteigender Designlabels, Bildbände, Magazine und coole Musik findet. Sexy knappe Unterwäsche und Badehosen findet man bei SportsmenAsia (SPORTSMENASIA.COM).

Best Restaurant

ONE ROCHESTER ist eine Multi-Konzept-Gastro-Bar umgeben von einem tropischen Garten. Das Lokal besteht aus traditionell eingerichteten Zimmern, jedes mit unterschiedlichem Ambiente. ONEROCHESTER.COM

Best Hang-out

PRIVÉ ist Restaurant, Bar und Bäckerei zum Abhängen und Chillen auf der neuen Privatinsel Keppel Bay Marina. Das Lokal ist umgeben von Wasser und hat einen Außen-Lounge-Bereich, auf dem sich gerne das junge, schöne und reiche Volk labt. PRIVE.COM.SG

Best Club

Die Szene befindet sich immer noch in Tanjong Pagar, auch wenn sie schon mal bessere Zeit gesehen hat. TABOO (TABOO97.COM) und PLAY (PLAYCLUB.COM.SG) halten die Regenbogenflagge hoch. Eine echte Alternative ist das Powerhouse in der St. James Power Station (STJAMESPOWERSTATION.COM): ein riesiger Industrie-Tanzclub, der besonders bei zur Partyreihe FABULOUS SUNDAY (FABULOUSSUNDAYS.COM) voll von feierwütigen Jungs ist.

Best Sauna

Eine neue Location wird demnächst eröffnen, wo und wann ist aber noch ein streng gehütetes Geheimnis. Deswegen sollte man vor einem Besuch unbedingt die Website besuchen: TOWELCLUB.COM. Derweil können Ungeduldige schon mal den TEN MEN’S CLUB (TENMENSCLUB.COM) besuchen.

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